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Prolonged Perspectives - Kunst im Aktivismus

Prolonged Perspctives – Kunst im Aktivismus

Für die digitale Eröffnung im Dezember 2020 sowie für den Schlüterhof des Humboldt Forums haben drei Künstler*innen aus Berlin, die Schriftstellerin und Aktivistin Priya Basil sowie die Filmemacher*innen Zara Zandieh und Jeremiah Mosese, visuelle Auseinandersetzungen für und über das Humboldt Forum realisiert. Zentral steht bei allen drei durch ihre unterschiedlichen Biografien bestimmter Blick auf und aus Berlin heraus. Wir freuen uns diese drei Kulturschaffenden als Denker*innen der Stadt zusammen zu bringen, um ihre persönliche Praxis, Ästhetik und Aufgabenstellung miteinander ins Gespräch zu bringen. Durch den Artist Talk führt die Journalistin Amina Aziz.

Priya Basil setzt sich in ihrem Kurzfilm-Essay “Eingeschlossen / Ausgeschlossen” kritisch mit der Genese und der Zielsetzung des Humboldt Forums aus und was die Rekonstruktion des Berliner Schlosses symbolisiert. Diese Fragestellung beleuchtet sie unter dem Gesichtspunkt, selbst erst kürzlich die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen zu haben – welche Verantwortung trägt nun auch sie für die Geschichte ihrer neuen Heimat? In ihrem Film geht sie der Frage nach, was ein solches Gebäude, ein solches Projekt für das Verständnis der Vergangenheit und die Zugehörigkeit in der Gegenwart bedeutet. Das vielfach umstrittene, umkämpfte, gefeierte Monument existiert nun – aber was genau monumentalisiert es?

Zara Zandieh ist in Berlin geboren und aufgewachsen und richtet den filmischen Blick über die Grenzen der Hauptstadt hinaus in die Krisen der Gegenwart.Zandieh’s Film, “Octavia’s Vision” bezieht sich auf das Werk der Afro-Amerikanischen Autorin Octavia E. Butler. Der Film eröffnet uns eine nicht allzu entfernte Zukunft, imaginiert durch einen Queer-Gaze. Der Weg dorthin mutet dystopisch an und prophezeit uns eine schwierige Zeit. In poetisch-politischen Bildern verbindet Zandieh Motive Butlers mit gegenwärtigen Themen wie neuem Nationalismus, fortdauernder Kolonialität und den Auswirkungen der Umweltzerstörung.

Lemohang Jeremiah Mosese lebt seit einiger Zeit in Berlin und versteht sich selber als Teil der internationalen Kunst- und Kulturgemeinschaft der Hauptstadt. Sein Schaffen ist geprägt von bildgewaltigen Momenten, welche durch lange Einstellung und poetische Klänge ein immersives Erlebnis erschaffen. In seiner Arbeit “A BLACK MAN WHO SOLD HIS SKIN – AND HIS SONS WHO BOUGHT OR RECLAIMED IT AND SEWED IT BACK” stellt Mosese die ihm bekannten Ästhetiken seiner Kindheit und Jugend der rekonstruierten Fassade des Humboldt Forums gegenüber, mit ihren neu angefertigten Skulpturenschmuck und erzeugt so eine fast elegische Auseinandersetzung von Alt und Neu. Inspiriert von dem Basotho-Gebet “Der alte Gott verehrt den neuen Gott” entwirft er einen sehr persönlichen Ansatz, um die Missstände der Vergangenheit mit der Gnade der Zukunft zu versöhnen.

Im Rahmen der “Langen Nacht der Ideen” lädt das Humboldt Forum die drei Berliner Künstler*innen ein, um unter dem Motto d “Wie bald ist Morgen”, miteinander zu diskutieren. Die Kernbotschaften der Arbeiten wie Neo-Kolonialismus, die Krisen von Ökologie, Patriarchat und Erinnerungskultur stehen hier zentral und werden zusammen gebracht mit den sehr unterschiedlichen und teils doch kongruenten künstlerischen Handschriften und Perspektiven. Die Frage, wie und welche Zukunft wir für unsere Gesellschaft, für uns selber, imaginieren, ist die Prämisse, unter welcher die drei ihre Gedanken, Wünsche, Hoffnungen und Sorgen teilen.

Mit dem Filmessy von Priya Basil sowie der Reihe “Perspektivwechsel”, für die Zara Zandieh und Lemohang Jeremiah Mosese als auch das Design-Kollektiv Sucuk und Bratwurst ihre Arbeiten produziert haben, und dem Artist Talk “Prolonged Perspectives” unterstreicht das Humboldt Forum sein Anliegen, sich als Ort für zeitgenössische Kunst und Diskurs zu öffnen und Künstler*innen eine Plattform zu bieten, um gesellschaftliche Debatten weiterzuführen.

Priya Basil

Priya Basil ist Schriftstellerin und Aktivistin. In ihrem Buch Gastfreundschaft verbindet sie Geschichten über die indisch-kenianischen Traditionen ihrer Familie, ihr britisches Erbe und das Leben in Deutschland zu einem leidenschaftlichen Plädoyer für die Gastfreundschaft in Europa. Sie ist Mitbegründerin der Organisation Authors for Peace, im Beirat des European Centre for Constitutional and Human Rights und Initiatorin der Kampagne für einen Europäischen Feiertag auf dem gesamten Kontinent. Ihr neues Buch “Im Wir und Jetzt. Feministin werden” ist im Frühjahr 2021 erschienen.

Die Arbeit von Priya Basil ist bereits unter folgendem Link auf Deutsch und Englisch zu sehen und wurde am 16. Dezember 2020 erstmalig aufgeführt

Locked In and Out - by Priya Basil

Eingeschlossen / Ausgeschlossen von Priya Basil

Zara Zandieh

Zara Zandieh ist eine in Berlin geborene und lebende Filmemacher*in. Zara Zandiehs visuelles künstlerisches Schaffen ist kollaborativ und lebt von der gegenseitigen Wertschätzung und Anerkennung aller, die in Zaras Projekten mitwirken. Die Geschichten, widmen sich einem dekolonialen queeren Blick, der Komplexitäten und vielschichtige Darstellungen von postmigrantischen und marginalisierten Subjekten in eine poetische Erzählweise verwebt. Arbeiten von Zara Zandieh wurden für Preise bei verschiedenen Filmfestivals nominiert (BFI Flare, Helsinki International Film Festival, Edinburgh International Film Festival, Queer Lisboa, DOK Leipzig). Zara Zandiehs aktuellstes Projekt Octavia’s Visions wurde 2019 von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa für ein Recherchestipendium empfohlen. Im Dezember 2020 wird die Arbeit bei der Eröffnung des Humboldt Forums uraufgeführt. Für das hybride Dokumentarfilmprojekt Fighting This Despair with Joy (in Entwicklung), erhielt Zara 2020 ein Recherchestipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung. PREIS Oberhausen erwähnen.

Lemohang Jeremiah Mosese

Lemohang Jeremiah Mosese ist ein aus Lesotho stammender Filmemacher und bildender Künstler. Sein erster Film “Mother, I am Suffocating. This is My Last Film About You” wurde mit sechs Preisen auf dem Final Cut in Venice prämiert. Mit seinem zweiten Spielfilm “This Is Not A Burial, It’s A Resurrection” wurde Mosese als einer von drei Filmemachern für das Biennale College Cinema ausgewählt. “This Is Not A Burial” lief auf zahlreichen Filmfestivals und gewann mehrere Preise, darunter den Special Jury Award for Visionary Filmmaking auf dem Sundance Film Festival 2020.

Die Arbeiten von Zandieh und Mosese sowie die Arbeit von Sucuk und Bratwurst werden dem Publikum am September im Schlüterhof des Humboldt Forums in der Premiere präsentiert.

Amina Aziz

Amina Aziz ist Journalistin, wissenschaftliche Referentin und politische Bildnerin. Sie hat u.a. zu Post- und Dekolonialität, Islamismus, post-islamistischen Gesellschaften, sowie Drogenpolitik geforscht und arbeitet aus intersektionaler Perspektive zu Themen der Gegenwart und Zukunft. In ihrer Arbeit interessiert sie sich insbesondere für die Perspektiven marginalisierter Menschen, versucht sie zu empowern und ihre Stimmen und Ansichten bekannter zu machen. Dabei hat sie die Auswirkungen des Kapitalismus und Kolonialismus im Blick. Sie ist Herausgeberin der Encyclopaedia Almanica und produziert Podcasts, u.a. für die Rosa-Luxemburg-Stiftung und das Kunstmuseum Basel.

Eingeschlossen / Ausgeschlossen von Priya Basil

Artist Talk "Prolonged Perspectives"